Der Reitersitz biotensegral gedacht

» Biotensegral sitzen heißt nicht stillsitzen, sondern den eigenen Körper so organisieren, dass Bewegung gleichmäßig durch Reiter und Pferd fließen kann. «

 

Im Reitunterricht geht es oft erstaunlich schnell um die eine korrekte Haltung. Gerade sitzen, ruhig bleiben, Becken mittig, Hände still. Das klingt vernünftig, führt aber nicht selten dazu, dass Reiter und Pferd gemeinsam fest werden. Von außen sieht es ordentlich aus, im Körper fühlt es sich trotzdem nicht frei an.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Lange Zeit bin ich nach langen Tagen vom Pferd abgestiegen und hatte sofort einen Schmerz im unteren Rücken, manchmal auch in den Knien. Mein Körper hatte sich festgemacht. Ich konnte die Stöße des Pferdes gar nicht mehr richtig durch mein Becken durchlassen.

Das war für mich der Auslöser, mich intensiver mit dem eigenen Sitz zu beschäftigen. Nicht um eine perfekte Form zu lernen, sondern um zu verstehen, in welchen Kompensationsmustern mein Körper steckte und wie ich da wieder herauskommen konnte.

Heute steige ich auch nach langen Tagen ohne Schmerzen ab. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass ich nach dem Reiten lockerer bin als vorher.

Sitz als bewegliche Verbindung

Biotensegral gedacht ist der Sitz keine feste Position. Er ist eine bewegliche Verbindung zwischen zwei Körpern, die sich ständig gegenseitig beeinflussen.

Wie beim biotensegralen Pferdetraining braucht auch ein guter Reitersitz die Balance zwischen Mobilität und Stabilität. Du musst beweglich genug sein, um die Bewegung des Pferdes aufzunehmen, und gleichzeitig stabil genug, um Dich nicht an ihm festzuhalten.

Das funktioniert nicht über starre Haltung, sondern über eine gute Spannungsorganisation im eigenen Körper.

Dein Becken nimmt Bewegung auf. Dein Brustkorb reagiert. Deine Wirbelsäule passt sich an. Kleine Rotationen, seitliche Bewegungen und feine Verwringungen laufen durch Deinen ganzen Körper. Der Sitz bewegt sich also dreidimensional mit dem Pferd, auch wenn er von außen ruhig wirkt.

Dafür braucht es Körperbewusstsein, Koordination und auch eine gewisse Reiterfitness. Nicht im Sinne von möglichst viel Kraft, sondern damit Du Deinen Körper wirklich tragen und gezielt einsetzen kannst. Je besser Du Dich selbst organisierst, desto weniger musst Du Dich irgendwo festhalten – und desto klarer kommt Deine Hilfe beim Pferd an.

Du veränderst das Spannungsgefüge des Pferdes

Sobald Du im Sattel sitzt, veränderst Du das Spannungsgefüge des Pferdes. Dein Gewicht wirkt auf den Rücken, Dein Becken beeinflusst den Brustkorb, Deine Hände verändern die Verbindung nach vorne, und selbst Deine Atmung macht einen Unterschied. Das Pferd reagiert nicht nur auf einzelne Hilfen. Es reagiert auf Deinen ganzen Körper.

Genau deshalb können Gewichtshilfen so viel bewirken.

Eine kleine Gewichtsverlagerung verändert nicht nur den Druck unter einem Sitzbein. Sie kann den Brustkorb verschieben, eine Rotation anregen oder dem Pferd eine neue Richtung anbieten. Manchmal reicht ein sehr feiner Impuls. Manchmal braucht es eine deutlichere Veränderung, damit ein festes Bewegungsmuster überhaupt ins Wanken kommt.

Wenn der Reiter verstanden hat

Im Unterricht erlebe ich immer wieder denselben Moment. Eine kleine Anpassung im Sitz, eine winzige Verschiebung im Gewicht – und das Pferd antwortet sofort. Klarer, leichter, aufmerksamer. Häufig sagen die Reiterinnen dann den Satz: „Wieso hat mir das denn noch nie vorher jemand gesagt? Das ist ja ganz simpel."

Mir scheint, dass auch das Pferd diesen Aha-Moment hat. So, als ob es kurz innerlich sagt: Achso, das wolltest Du. Na das kann ich ganz einfach umsetzen.

Das Gegenteil sehe ich genauso oft. Wenn der Körperschwerpunkt eine Richtung andeutet und Bein- und Zügelhilfen etwas anderes sagen, gerät das Pferd in eine Art Verzweiflung. Nicht weil es nicht will. Sondern weil es nicht wissen kann, was gemeint ist.

Reiten über kleine Gewichtsverlagerungen ist deshalb nichts, was man dem Pferd beibringt. Es ist eine Sprache, die der Körper des Reiters lernt zu sprechen. Und wenn er anfängt, diese Sprache kohärent zu verwenden, braucht es keinen Kampf mehr.

Gleichgewicht ist nichts Starres

Das ist nicht dasselbe wie das Pferd achtlos aus dem Gleichgewicht zu bringen. Es geht darum, das gewohnte Gleichgewicht kurz zu verändern, damit der Körper eine neue Lösung finden kann.

Denn Gleichgewicht ist nichts Starres.

Ein gut organisierter Körper bleibt nicht deshalb stabil, weil er nie aus seiner Form gerät. Er bleibt stabil, weil er auf Veränderung reagieren kann. Er darf Gewicht verlagern, rotieren, sich neu sortieren und danach wieder in eine bessere Balance finden.

Genau hier wird der Sitz spannend.

Statt das Pferd in einer bestimmten Form festzuhalten, kannst Du Deinen Körper nutzen, um Bewegung zu unterstützen. Du kannst einer Rotation folgen, statt sie zu blockieren. Du kannst einem Seitwärtsschritt Raum geben, statt ihn nur mit Bein und Zügel herzustellen. Du kannst Dein Gewicht so einsetzen, dass das Pferd eine alte Kompensation für einen Moment verlassen muss.

Manchmal fühlt sich das nicht sofort harmonisch an. Vielleicht wird eine Bewegung kurz größer, schiefer oder ungewohnter. Vielleicht verlasst Ihr beide für einen Moment das saubere Bild.

Das muss kein Fehler sein.

Wenn wir jede kleine Abweichung sofort korrigieren, bleibt der Körper oft genau in dem Muster, das wir eigentlich verändern möchten. Neue Organisation entsteht selten innerhalb der alten Form.

Reiterhilfen immer wieder hinterfragen

Deshalb lohnt es sich, Reiterhilfen immer wieder zu hinterfragen.

Was bewirkt meine Hilfe gerade wirklich? Hilft sie dem Pferd, sich besser zu organisieren? Oder hält sie nur die bekannte Form zusammen? Braucht das Pferd mehr Stabilität, mehr Raum oder vielleicht eine ganz neue Bewegungsrichtung?

Eine klassische Gewichtshilfe ist nicht automatisch richtig, nur weil sie im Lehrbuch so beschrieben wird. Entscheidend ist, wie dieses Pferd darauf reagiert.

Vielleicht hilft ihm heute eine deutlichere Gewichtsverlagerung, eine festgehaltene Seite zu verlassen. Morgen braucht es an derselben Stelle vielleicht nur noch einen kaum sichtbaren Impuls. Je besser sich der Körper organisiert, desto feiner kann die Kommunikation werden.

Biotensegral zu sitzen bedeutet für mich deshalb nicht, möglichst still oder besonders korrekt auszusehen. Es bedeutet, den eigenen Körper funktional einzusetzen.

Du trägst Dich selbst, damit das Pferd Dich nicht mittragen muss. Du bleibst beweglich, damit Bewegung durch Euch beide fließen kann. Und Du nutzt Deinen Sitz nicht nur, um Gleichgewicht zu erhalten, sondern manchmal auch, um es bewusst zu verändern.

So entsteht Harmonie nicht durch eine Form, die niemand verlassen darf.

Sie entsteht, wenn zwei Körper sich immer besser aufeinander einstellen, auf Veränderungen reagieren und gemeinsam eine neue Balance finden.

 

Wenn Du diesen Blick noch klarer gegen das klassische Denken einordnen möchtest, findest Du das in Biotensegrität vs. Biomechanik – der Unterschied im Training.

» Ein guter Sitz hält das Pferd nicht fest. Er hilft ihm, sich selbst besser zu tragen. «

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Biotensegrität vs. Biomechanik – der Unterschied im Training

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Was ist biotensegrales Pferdetraining?