Biotensegrität vs. Biomechanik – der Unterschied im Training
» Biomechanik denkt in Hebeln, Biotensegrität im Spannungsnetzwerk. Was bedeutet dieser Perspektivwechsel für die tägliche Trainingspraxis? «
Wenn im Pferdetraining von „biomechanisch korrekt" gesprochen wird, geht es meist um gesunde, funktionale Bewegung. Der Rücken soll mitarbeiten, die Hinterhand tragen, die Vorhand entlastet werden und das Pferd soll in Balance kommen.
Das ist sinnvoll. Trotzdem lohnt sich die Frage, welches Körperbild dahintersteht.
Biomechanik denkt oft in Hebeln und Körperteilen
Die klassische Biomechanik erklärt Bewegung über Knochen, Gelenke, Muskeln, Hebel und Kraftübertragung.
Im Training zeigt sich dieses Denken oft so:
Der Hals soll sich anders tragen. Der Rücken soll sich aufwölben. Die Hinterhand soll weiter untertreten. Die Schulter soll freier werden.
Diese Beobachtungen können helfen. Schwierig wird es nur, wenn wir anfangen, den Pferdekörper tatsächlich wie einzelne Bauteile zu behandeln.
Denn ein Pferd bewegt nie nur den Rücken, den Hals oder die Hinterhand. Verändert sich an einer Stelle etwas, reagiert immer der ganze Körper.
Biotensegrität schaut auf das Spannungsnetzwerk
Biotensegrität betrachtet den Pferdekörper als zusammenhängendes Spannungsnetzwerk.
Knochen, Muskeln, Faszien, Sehnen, Bänder und Gelenke arbeiten nicht getrennt. Sie beeinflussen sich ständig gegenseitig.
Stabilität entsteht deshalb nicht nur durch die korrekte Ausrichtung einzelner Körperteile. Sie entsteht durch eine passende Verteilung von Spannung und Druck im gesamten Körper.
Ein Pferd kann äußerlich korrekt aussehen und sich trotzdem festhalten. Es kann weit untertreten, ohne wirklich zu tragen. Es kann den Hals passend tragen, während der Brustkorb kaum beweglich ist.
Die Form allein sagt also nicht genug.
Entscheidend ist, aus welchem Spannungsmuster die Bewegung entsteht.
Dreidimensionale Bewegung statt Förmchen
Pferde bewegen sich nicht zweidimensional.
Der Brustkorb rotiert. Das Becken dreht sich. Die Wirbelsäule passt sich an. Diagonale Verbindungen laufen durch den ganzen Körper.
Diese Rotationen helfen dem Pferd, sich zu stabilisieren.
Fehlen sie, wird Bewegung flach. Dann hält das Pferd irgendwo fest oder weicht an anderer Stelle aus.
Darum reicht es nicht, ein Pferd von außen in eine korrekte Form zu bringen. Der Körper muss sich dreidimensional organisieren können.
Genau deshalb passt für mich der Satz:
Dreidimensionale Bewegung statt zweidimensionaler Förmchen.
Was verändert sich im Training?
Biomechanisch gedacht fragst Du vielleicht:
Wie bekomme ich den Rücken hoch? Wie aktiviere ich die Hinterhand? Wie richte ich den Hals korrekt aus?
Biotensegral gedacht fragst Du weiter:
Warum hält der Körper hier fest? Wo fehlt Rotation? Wie verteilt das Pferd Spannung? Was hilft dem gesamten Körper, sich besser aufzuspannen?
Die Übung allein entscheidet dabei wenig.
Eine Volte kann Balance und Rotation fördern. Sie kann das Pferd aber auch nur stärker verbiegen.
Ein Seitengang kann den Körper sinnvoll organisieren. Er kann genauso gut nur ein äußeres Förmchen sein.
Entscheidend ist immer, was die Bewegung im ganzen Körper auslöst.
Das gilt auch für den eigenen Körper im Sattel. Wie sich diese Sichtweise auf das Reiten überträgt, beschreibe ich in Der Reitersitz biotensegral gedacht.
Kein Entweder-Oder
Die beiden Sichtweisen schließen sich nicht aus.
Viele Praktikerinnen arbeiten ohnehin mit beiden. Mal denkt man eher in Hebeln, mal eher im Netzwerk. Für die Beobachtung einzelner Bewegungsabläufe ist die biomechanische Brille oft hilfreich. Für die Frage, warum sich ein Pferd insgesamt nicht frei organisieren kann, braucht es den biotensegralen Blick.
Ich finde es wichtig, das so deutlich zu sagen. Die klassische Biomechanik ist nicht überholt. Sie ist ein Werkzeug, mit dem man bestimmte Fragen gut beantworten kann. Andere Fragen lassen sich besser beantworten, wenn man den Körper als zusammenhängendes System denkt.
Fazit
Biomechanik hilft uns, Bewegung zu beobachten und einzelne Funktionen zu verstehen.
Biotensegrität denkt diesen Blick weiter. Sie fragt nach Vernetzung, Aufspannung, Rotation, Faszien und Selbstorganisation.
Für mich liegt genau darin der Unterschied:
Willst Du den Pferdekörper in eine korrekte Form bringen?
Oder willst Du ihm helfen, eine gesunde Form aus einer guten inneren Organisation heraus selbst zu entwickeln?