Was ist biotensegrales Pferdetraining?

» Was biotensegrales Pferdetraining bedeutet: Keine neue Methode, sondern eine andere Sichtweise auf Vernetzung, Aufspannung und Selbstorganisation. «

 

Wenn ich von biotensegralem Pferdetraining spreche, meine ich keine neue Methode, die man einfach über ein Pferd legt.

Es geht auch nicht darum, eine bestimmte Übung besonders „biotensegral" auszuführen. Bodenarbeit kann biotensegral gedacht sein. Reiten auch. Genauso Freiarbeit, Seitengänge, Übergänge oder eine ganz einfache Führübung.

Entscheidend ist nicht die Übung.

Entscheidend ist, wie Du auf den Pferdekörper schaust.

Fragst Du Dich vor allem, wie das Pferd aussehen soll? Oder fragst Du Dich, wie es sich gerade organisiert und was es braucht, um sich besser tragen zu können?

Für mich beginnt biotensegrales Pferdetraining genau an diesem Punkt.

Was bedeutet Tensegrität?

Das Wort Tensegrität kommt vom englischen Begriff „Tensegrity". Er setzt sich aus zwei Wörtern zusammen:

  • tension bedeutet Spannung.

  • integrity bedeutet Ganzheit, Zusammenhalt oder innere Geschlossenheit.

Tensegrität beschreibt also eine Struktur, die durch Spannung als Ganzes zusammengehalten wird.

Bei klassischen Tensegrity-Modellen findest Du feste Elemente, zum Beispiel Stäbe, und elastische Verbindungen, etwa Schnüre oder Seile. Die Stäbe liegen nicht einfach aufeinander. Sie werden durch das Spannungsnetz in ihrer Position gehalten.

Die Stabilität entsteht nicht dadurch, dass alles fest gestapelt ist.

Sie entsteht durch das Zusammenspiel von Zug und Druck.

Veränderst Du an einer Stelle die Spannung, reagiert die gesamte Struktur. Genau das macht diese Modelle so interessant, wenn wir über lebendige Körper nachdenken.

Denn auch ein Körper funktioniert nicht wie ein Turm aus übereinandergestellten Bauteilen.

Und was bedeutet Biotensegrität?

Biotensegrität überträgt die Grundidee der Tensegrität auf den lebendigen Körper.

Knochen stehen dabei nicht einfach wie Säulen übereinander. Sie liegen auch nicht nur als starre Hebel in Gelenken. Sie sind Teil eines großen Spannungsnetzes aus Muskeln, Faszien, Sehnen, Bändern, Gelenkkapseln, Flüssigkeiten und nervaler Steuerung.

Alles hängt miteinander zusammen.

Das klingt erst einmal selbstverständlich. Im Training behandeln wir den Körper trotzdem oft so, als ließen sich seine einzelnen Bereiche getrennt voneinander verändern.

Der Rücken soll hoch. Die Hinterhand soll aktiver werden. Die Schulter soll freier werden. Der Hals soll sich lösen.

Diese Begriffe sind nicht grundsätzlich falsch. Sie helfen uns, etwas zu beschreiben. Schwierig wird es erst, wenn wir glauben, wir könnten einen dieser Bereiche isoliert korrigieren.

Denn ein Pferd hebt nicht einfach nur den Rücken.

Wenn sich der Rücken verändert, verändert sich auch der Brustkorb. Die Atmung verändert sich. Das Becken reagiert. Die Halsbasis reagiert. Die Beine reagieren. Das Gleichgewicht reagiert.

Der Körper arbeitet immer als Ganzes.

Die wichtigsten biotensegralen Prinzipien

Für mich gehören einige Gedanken unbedingt zusammen, wenn wir von Biotensegrität sprechen.

  • Der erste ist die Vernetzung. Im Körper gibt es keine echte Trennung zwischen einzelnen Bereichen. Was an einer Stelle passiert, wirkt sich auf andere Bereiche aus.

  • Der zweite ist die positive Spannung. Ein Körper trägt sich nicht nur durch Muskelkraft oder durch die korrekte Position einzelner Körperteile. Er braucht ein sinnvolles Spannungsmuster im ganzen System.

  • Dann kommt die Anpassungsfähigkeit. Ein lebendiger Körper muss reagieren können. Er darf nicht nur stabil sein. Er muss auch nachgeben, sich verlängern, verkürzen, drehen und Kraft weiterleiten können.

  • Und schließlich spielt die Dreidimensionalität eine große Rolle. Der Körper bewegt sich nicht nur vor und zurück oder nach oben und unten. Er rotiert, verwringt sich, verschiebt Gewicht und organisiert sich über diagonale Verbindungen.

    Genau diese kleinen Rotationen halten den Körper oft stabil.

Positive Spannung ist nicht gleich Anspannung

Das Wort positive Spannung führt leicht zu Missverständnissen.

Ein aufgespanntes Pferd ist nicht angespannt. Es läuft nicht härter, fester oder kontrollierter. Es hat auch nicht einfach „mehr Körperspannung".

Gute Aufspannung fühlt sich eher elastisch an.

Das Pferd kann Kraft entwickeln, ohne sich festzumachen. Es kann sich verlängern, ohne auseinanderzufallen. Es kann sich sammeln, ohne eng zu werden. Es kann sich biegen, ohne seitlich wegzukippen.

Ich finde, man spürt den Unterschied recht deutlich.

Ein Pferd mit Schutzspannung wirkt oft hart oder schwer. Manchmal bewegt es sich groß, aber nicht wirklich frei. Ein gut aufgespanntes Pferd fühlt sich klarer an. Der Körper trägt sich besser, ohne dass Du ihn dauernd zusammenhalten musst.

Das ist nicht die eine perfekte Form. Es ist eine andere Qualität von Bewegung.

Was verändert sich dadurch im Training?

Biotensegrales Pferdetraining beginnt nicht mit der Frage: Wie bekomme ich den Rücken hoch?

Es beginnt mit der Frage: Warum kann sich der Rücken gerade nicht frei bewegen?

Vielleicht fehlt dem Pferd Stabilität. Vielleicht hält es den Brustkorb fest. Vielleicht fühlt es sich unter dem Reiter nicht sicher. Vielleicht ist der Sattel unangenehm. Vielleicht kennt der Körper nur dieses eine Bewegungsmuster.

Dasselbe gilt für die Hinterhand.

Statt einfach mehr Aktivität zu verlangen, kannst Du fragen: Hat der Körper überhaupt genug Verbindung und Raum, damit die Hinterhand tragen kann?

Diese Fragen verändern Dein Training.

Du versuchst weniger, das sichtbare Problem direkt zu korrigieren. Stattdessen suchst Du nach einer Aufgabe, durch die der Körper selbst eine bessere Lösung finden kann.

Das dauert manchmal länger. Dafür wird die Veränderung oft ehrlicher.

Wie ich auf diesen Weg gekommen bin

Mein erstes eigenes Pferd ist Meteor. Ich habe ihn mit sieben Jahren gekauft, heute ist er achtzehn.

Lange habe ich versucht, ihn klassisch zu reiten – pferdefreundlich, ohne Leistungsdruck, aber immer in der Suche nach der einen korrekten Form. Meteor ist dabei nie wirklich locker geworden. Er hatte einen festen Unterhals, drückte gegen den Zügel und war schreckhaft. Er konnte von einem Moment auf den anderen hochfahren.

An einem Tag hatte ich gymnastizierend in Seitengängen mit ihm gearbeitet, mit dem besten Wissen, das ich damals hatte. Beim Absteigen habe ich gemerkt: Er war verspannter als vor der Einheit. Das konnte nicht der richtige Weg sein.

Kurz darauf hat sein Körper die Arbeit mit einem Sehnenschaden quittiert. In der Zwangspause bin ich auf das biotensegrale Training gestoßen und konnte den Sehnenschaden mit ihm gemeinsam ausheilen.

Heute, vier Jahre später, ist Meteor ein zufriedenes, locker laufendes Pferd. Trotz chronischer Veränderungen wie Arthrose und Spat kommt er besser mit seinem Körper zurecht als früher. Meine Kunden erleben ihn als ausgeglichenes Liebespferd. Und er ist mein wichtigstes Lehrpferd geworden.

Für mich war das der Moment, an dem ich verstanden habe: Es geht nicht um die eine korrekte Form, sondern um das Aufbrechen dieser Form.

Die Faszien gehören dazu, sind aber nicht alles

Bei Biotensegrität denken viele sofort an Faszien. Das ist verständlich, denn Faszien verbinden den Körper und übertragen Spannung.

Trotzdem ist Biotensegrität nicht einfach ein anderes Wort für Faszientraining.

Ein lebendiger Körper besteht nicht nur aus Faszien. Auch Muskeln, Knochen, Flüssigkeiten, Atmung, Wahrnehmung und Nervensystem wirken an der Organisation von Bewegung mit.

Ein Pferd kann körperlich viel können und sich trotzdem nicht frei bewegen, wenn es innerlich in Alarm ist.

Darum gehört für mich auch Sicherheit zum biotensegralen Training.

Ein Körper organisiert sich anders, wenn er sich bedroht fühlt. Er hält mehr fest. Er wird starrer oder hektischer. Bewegungen verlieren ihre Elastizität.

Du kannst das Pferd dann nicht einfach in eine bessere Form bringen. Du musst die Bedingungen verändern.

Auch Du bist Teil des Systems

Sobald Du mit einem Pferd arbeitest, veränderst Du etwas.

Deine Körperspannung kommt beim Pferd an. Deine Atmung ebenso. Dein Timing, Deine Hand, Deine Haltung und Deine Erwartung beeinflussen, wie das Pferd reagiert.

Das gilt am Boden genauso wie im Sattel.

Deshalb schaue ich beim biotensegralen Training nie nur auf das Pferd.

Vielleicht hält das Pferd fest, weil ich selbst festhalte. Vielleicht kann es sein Gleichgewicht nicht finden, weil ich zu schnell etwas verlange. Vielleicht wird es klarer, sobald ich mich selbst besser sortiere.

Das ist nicht immer bequem. Aber es lohnt sich, ehrlich hinzuschauen und zu reflektieren.

Woran erkennst Du biotensegrales Training?

Nicht an einer bestimmten Übung. Und auch nicht an einer bestimmten Kopf-Hals-Position.

Du erkennst es eher daran, was sich im Pferd verändert.

Wird die Bewegung freier? Kann das Pferd besser atmen? Findet es mehr Gleichgewicht? Kann es stabil bleiben, ohne hart zu werden? Wird es aufmerksamer, ohne hektisch zu sein? Trägt es sich mehr selbst?

Das sind für mich die Fragen, die zählen.

Biotensegrales Pferdetraining versucht nicht, den Körper in eine Form zu bringen.

Es schafft Bedingungen, unter denen der Körper eine bessere Form aus sich selbst heraus entwickeln kann.

Und genau das macht für mich den Unterschied.

 

Wenn Dich dieser Blick interessiert, gehe ich in den beiden begleitenden Artikeln tiefer. In Der Reitersitz biotensegral gedacht zeige ich, was dieses Denken konkret für den Reiter bedeutet. In Biotensegrität vs. Biomechanik – der Unterschied im Training ordne ich beide Sichtweisen klar gegeneinander ein.

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Der Reitersitz biotensegral gedacht

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